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Thinking at the Edge und Interbeing

10 March 2020 / Regina Schlager

Wie können wir zu einem neuen Denken finden? Einem Denken, das uns in dieser Zeit des tiefgreifenden Wandels unterstützt ? Einem Denken, das nicht spaltet, sondern verbindet? Ein Ansatz, in dem ich großes Potential sehe, ist Thinking at the Edge (TAE), auf Deutsch in etwa „Denken am Rand“, Denken an der Schwelle“ oder „Denken an der Grenze“.

TAE ermöglicht einen kreativen Prozess, bei dem nicht bereits vorhandene Gedanken, Ideen und Konzepte bloß kopiert oder neu geordnet werden, sondern etwas entsteht, das vorher noch nicht da war. Ganz wesentlich dabei ist der Einbezug des persönlichen inneren Erlebens, der Felt Sense.

TAE geht auf den Philosophen und Psychotherapeuten Eugene Gendlin zurück, der auch die Methode Focusing entwickelt hat. Grundlage beider Methoden ist seine Philosophie des Impliziten.

Das Zusammenspiel von Sprache und Felt Sense

Einsatzmöglichkeiten für das Prozessmodell Thinking at the Edge gibt es viele: Es können unter anderem frische Ideen entstehen, authentische Artikel oder Website-Texte geschrieben werden oder eine neue Geschäftsausrichtung entworfen werden.

Gearbeitet wird in TAE mit der Sprache im Zusammenspiel mit der gefühlten und gespürten Bedeutung im felt sensing. Besondere Kraft bekommt diese Vorgehensweise aus meiner Sicht und Erfahrung, wenn sie kombiniert wird mit dem Ausdruck über körperliche Bewegung und Töne.

Ich sehe in dieser neuen Form des Denkens großes Potential für die persönliche und die gesellschaftliche Entwicklung.

Denn für die Herausforderungen, vor denen wir persönlich und kollektiv stehen, werden wir nicht mit einem Denken Lösungen finden, das rein analytisch ist und nur das als wichtig und kompetent ansieht, was messbar ist und sich in Statistiken abbilden lässt.

Genauso halte ich es für eine Sackgasse, wenn wir das Denken und den Verstand als schlecht ansehen und nur Gefühle zulassen wollen. Denn damit trennen wir das Denken vom Fühlen. Und wir bewerten das eine als besser als das andere. Was aber nicht verwunderlich ist, denn wir bewegen uns in unserer westlichen Zivilisation in einer großen Erzählung der Spaltung, einer Geschichte der Trennung und Separation.

Mit Erzählung und Geschichte meine ich die Art und Weise, wie wir uns die Welt erklären.

Wir bewegen uns als Menschen auf jeden Fall in einer Geschichte (und schauen nicht nur mit einer Brille auf sie wie auf etwas objektiv außen Stehendes), die Frage ist nur, ob uns das bewusst ist und welche wir wählen und mitgestalten.

Auf die Standard-Erzählung der westlichen Kultur hinzuweisen und Alternativen zu beschreiben, dafür schätze ich Charles Eisenstein sehr. Seit Dezember lese ich online in seinem Buch „Climate. A New Story“, das vergangenen Herbst auch in Print auf Deutsch (Klima. Eine neue Perspektive“) erschienen ist.

Von der Erzählung der Separation zur Erzählung des Interbeing

Charles Eisenstein benennt die Grundannahmen unserer westlichen Gesellschaft als das, was sich wandeln muss, wollen wir wirklich die „schönere Welt, von der unsere Herzen wissen“ gestalten. Für ihn geht es um eine Transformation der Erzählung der Separation zu einer Erzählung des Interbeing.

Die Geschichte der Trennung braucht Sieger und Verlierer.

Komplexe Sachverhalte werden auf jemanden oder etwas reduziert, der oder das schuld ist. Unsere Sprache ist durchtränkt von Worten und Metaphern des Kampfes und des Krieges. Im Sport, in der Werbung, in der Politik, in Unternehmensbroschüren, in der Medizin.

Wir kämpfen, siegen oder verlieren ständig: Im Tennis, in einem Wahlkampf, beim unternehmerischen Konkurrenzkampf, beim Kampf gegen den Krebs. Wir brauchen dazu nur eine etablierte Tageszeitung aufzuschlagen — da breitet sich vor uns ein Eldorado an Beispielen aus. Und weiter oben wollte ich schon Geschäftsstrategie schreiben, habe dann aber nach einem anderen Wort gesucht.

Wir befinden uns bereits in dieser Übergangsphase zu einer neuen Geschichte über uns Menschen und über die Welt, die Frage ist, worauf wir unseren Fokus lenken.

Mit Schwarz-Weiß-Denken bleiben wir in den Mustern der Vergangenheit gefangen. Statt das Denken zu verurteilen, braucht eine neue Geschichte des Interbeing neue Formen des Denkens. Eines Denkens, das alle unsere Intelligenzen einbezieht; alle unsere Wissenskörper und Weisheitsquellen.

Das Noch-nicht-genau-wissen als das wahrlich Bedeutsame zulassen

Was mir bei Thinking at the Edge besonders gut gefällt ist, dass wir dabei von etwas ausgehen, das wir ahnen oder spüren, wofür wir aber entweder noch gar keine Worte oder noch keine klaren Formulierungen haben. Da ist ein vages Etwas, von dem wir spüren: Das ist wichtig, das hat Bedeutung! Es zieht uns dahin. Wir wollen mehr darüber herausfinden.

Wenn wir nun davon ausgehen, wir wären nur kompetent, wenn wir immer sofort verständlich über etwas sprechen können, dann verlieren wir gerade dieses kreative Etwas, das im Nicht-Wissen, im Noch-nicht-genau-Wissen liegt.

Das alles ist weitreichender, als es zunächst vielleicht scheint.

Wer will schon inkompetent wirken? Zum Beispiel als Fach- oder Führungskraft. Und was die tief eingegrabenen Denk- und Verhaltensmuster betrifft: Da steht nicht weniger als unsere bisherige Identität auf dem Spiel. Unser Selbstbild hängt an unseren Erfahrungen, unseren Werten: dem, was wir persönlich erlebt haben, dem, was uns von der Gesellschaft vermittelt wird. Wir baden darin wie ein Fisch. Und plötzlich soll Wasser nicht mehr unser Element sein? Klar schnappen wir da nach Luft und glauben, sterben zu müssen.

Wir brauchen Räume, wo wir uns sicher und geschützt fühlen.

Sicher genug, um uns einzulassen auf das Stammeln; auf die Suchbewegungen zwischen Gedankenmustern und der gefühlten Bedeutung. Bis es dann vielleicht einmal ganz selbstverständlich sein wird, auch in einer geschäftlichen Besprechung oder einer Umweltschutz-Konferenz in sich hineinzufühlen, mit dem Felt Sense Verbindung aufzunehmen und sich für das Kommen der Worte Zeit zu lassen.

Und wir brauchen auch Räume, um gemeinsam, in Ko-Kreation, an der neuen Geschichte des Interbeing zu weben. Der Begriff Interbeing kommt von Thich Nhat Hanh, ein buddhistischer Mönch und Gründer des Praxiszentrums Plum Village. Interbeing (Inter-Sein) meint ein ganzheitliches Fühlen und Handeln, das die Verbundenheit aller Menschen und die Verbundenheit von Mensch und Natur ins Zentrum stellt.

Wir dürfen dabei liebevoll mit uns selbst umgehen.

Und wir brauchen die Übung in tiefem Zuhören und Gegenwärtigkeit— um uns in die Schuhe von Menschen zu stellen und uns in ihre Warte hineinzufühlen, auch wenn sie ganz andere Meinungen als wir vertreten. Und dabei nicht in die alten Reaktionsmuster von Beschuldigen und Verurteilen zu fallen.

Das wird nicht immer einfach sein. Doch darin liegt eine unglaublich schöne und kraftvolle Entdeckungsreise. Wenn wir sie uns erlauben.

 

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